kozek hörlonski

Kompositum I / Hobagoass

Silvia Eiblmayr, 2009

"Kompositum I/ Hobagoass" ist die Rückführung einer Travestie in einen performativen Raum, den die Künstler einem stringenten und formal sensiblen Setting unterworfen haben. Die Hobagoass ist eine paradoxe Figur: Sie kontrolliert Ordnung und Sauberkeit und droht den Schlampigen und Dreckigen mit brachialer Strafe; dem Brauchtum zufolge verspritzt sie selbst jedoch Blut, Urin oder Milch und besudelt das Publikum. Die Hobagoass, wie sie kozek hörlonski interpretieren und inszenieren, wird zur Kunstfigur, in der sich verschiedene Ebenen und Kontexte verdichten: kunstspezifische ebenso wie brauchtums-bezogene oder folkloristische, historische und erzählerisch-literarische und natürlich auch psychische. Damit verknüpft, die genannten Kategorien gleichsam durchquerend, stellt sich die Frage nach dem Geschlecht, nach dem Gender. Die Hobagoass, so kozek hörlonski, wird für sie „zu einer Metapher für performative Arbeit, die so oft zwischen Gegensätzen und Grenzen verläuft“. Kompositum I/ Hobagoass ist eine Raumarbeit, bei der ästhetische Inszenierung, Dramaturgie und Choreographie exakt ineinandergreifen. Die rautenförmigen Platten an Wand und Boden, die roten Bänder, die den Raum teilen und ihn zusammen mit dem Publikum in der Bewegung neu strukturieren, die Materialien, die wenigen Tropfen Blut und ein bisschen Urin −, weiters die Hobagoass als künstlerisches Objekt und als performative Figur und schließlich die Akteure selbst machen die Performance entsprechend dem künstlerischen Konzept zu einem „Raumbild”. Die Referenzen kreisen um Volksbräuche und Umzüge, wie sie in alpinen Gegenden Tradition sind, in denen sich die Maskenträger gegenseitig an Größe zu überbieten versuchen. Die Rauten verweisen auf die Spiegelaufsätze der Perchten. Auch der „Bandltanz” spielt hier herein. Das Spiegelmotiv taucht in der Schwarz-weiß-Kongruenz der Kostüme, die die Akteure zuerst tragen, − darin auch an die Commedia dell’Arte erinnernd − nochmals auf. Die minimalen Spuren von Blut als Abdruck an der Wand und von Urin am Boden, von der Hobagoass hinterlassen, sind auch ein pointiert-verhaltener Verweis auf die jüngere Kunstgeschichte, auf Wiener Aktionismus und Body Art, zu deren Pathos der Grenzüberschreitung bewusst Distanz hergestellt wird. Dies nicht zuletzt auch durch den aus Pigmenten auf den Boden geschriebenen und dann verwischten Imperativ: do not be lazy. do not cry. Kontrolle und Disziplin, eine Forderung, die kozek hörlonski in Japan beobachteten, wo sie explizit an die Kinder gerichtet wird. Aber sie gilt, wie sie feststellen, speziell auch für den Künstler/die Künstlerin. In ihrer Ambivalenz ist die Figur der Hobagoass prädestiniert, in den Kunstkontext aufgenommen zu werden. Ganz ähnliche Wesen mit ähnlichen Funktionen gibt es auch in anderen europäischen und außereuropäischen Ländern, sei es Estland oder Japan. Heute ist sie allerdings bei uns, wie kozek hörlonski anmerken, im Volksbrauchtum „zu einer Schabernack treibenden Nebenfigur verkommen“. Sie ist nicht nur ein Zwitterwesen zwischen Mensch und Tier, sondern auch zwischen Mann und Frau; Hoba ist ein altes Wort für Bock, Goass bekanntlich für Ziege. Thomas Hörl: „Mich interessiert ein homoerotischer, queerer Blick auf die durchwegs heterosexuellen Rituale diverser Bräuche“. Nicht unironisch merken kozek hörlonski an, dass die Umzugs-und Verkleidungsrituale in den Raunächten auch „Heischebräuche“ sind, d.h., dass es beim Von-Haus-zu-Haus-Ziehen erlaubt ist zu betteln, was sie als Künstler in Zusammenhang mit dem Preis, den sie erhalten haben, sehr passend finden. Kompositum I/ Hobagoass ist ein poetisches Stück, ein Raumbild oder eben ein Bild in Zeit und Raum, das in seinem synkretistischen Ansatz eine Reihe von interessanten Motiven und Querverweisen in Gang setzt, und das uns mit viel Subtilität und auch Witz ästhetisches Vergnügen und spannende Erkenntnisse bringt.

Silvia Eiblmayr, Auszug der Rede zur Performance am 03.09.2009
in H13 2009, kozek hörlonski, Kompositum I / Hobagoass, Kunstraum Niederösterreich, Wien 2009

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